Warum Stress nicht das Problem ist, sondern Überlastung.

Kurz erklärt:

Stress ist nicht automatisch schädlich. Im Gegenteil: Stress hilft kurzfristig leistungsfähiger, konzentrierter und belastbarer zu werden. Problematisch wird es erst dann, wenn auf Belastung keine ausreichende Erholung folgt. Dann entsteht aus vorübergehendem Stress Überlastung und die hat Folgen für Gesundheit und Leistungsfähigkeit.

Spitzensportler scheinen manchmal übermenschliche Fähigkeiten zu besitzen. Sie absolvieren harte Trainingseinheiten, stehen unter enormem Erfolgsdruck und liefern dennoch Höchstleistungen ab. Trotzdem hört man im Leistungssport selten die Aussage: „Ich bin gestresst.“ Warum?

Weil erfolgreiche Sportler verstanden haben, dass nicht Stress das eigentliche Problem ist. Das Problem entsteht erst dann, wenn das Verhältnis von Belastung und Erholung aus dem Gleichgewicht gerät. Genau dieser Gedanke lässt sich auch auf den Berufsalltag übertragen.

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Der zentrale Irrtum über Stress

Stress gilt als eine der größten Gesundheitsgefahren unserer Zeit. Tatsächlich stehen viele Volkskrankheiten wie Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes oder Übergewicht in engem Zusammenhang mit chronischer Belastung. Daraus ist die Vorstellung entstanden, Stress sei grundsätzlich schlecht und müsse möglichst vermieden werden.

Doch biologisch betrachtet stimmt das nicht. Stress ist zunächst einmal eine normale Anpassungsreaktion des Körpers auf eine Herausforderung. Wenn du plötzlich ein Problem lösen musst, sorgt dein Körper mit der Stressreaktion dafür, dass ausreichend Energie bereitsteht. Dadurch steigt beispielsweise der Herzschlag, die Aufmerksamkeit nimmt zu und die Konzentration verbessert sich. Kurz gesagt: der Körper stellt sich auf Leistung ein. Und genau dafür ist Stress gedacht.

Warum Belastung ein nötiger Bestandteil des Lebens ist

Kein Sportler würde erwarten, Höchstleistungen ohne vorherige Belastung erreichen zu können. Denn Training bedeutet immer, den Körper an der Belastungsgrenze entlang zu führen, um Anpassungen zu ermöglichen, die langfristig zu mehr Leistungsfähigkeit führen. Entscheidend ist jedoch, was danach passiert.

Nach einem Wettkampf folgt nicht sofort der nächste. Und nach einer intensiven Trainingseinheit wird nicht direkt weiter geballert, sondern erstmal gezielt regeneriert. Der Körper nutzt diese Zeit, um verbrauchte Ressourcen aufzufüllen und die vorgenommenen Anpassungen wieder zurückzufahren. Belastung und Erholung bilden also ein System. Fehlt einer der beiden Teile, sinkt die Leistungsfähigkeit.

Warum Belastung im Alltag so oft außer Kontrolle gerät

Im Alltag achten die wenigsten Menschen auf diesen stetigen Ausgleich zwischen Belastung und Erholung. Stattdessen summieren sich bei den meisten viele kleine Belastungen. Man übernimmt noch eine Aufgabe, obwohl die eigene To-Do Liste schon aus allen Nähten platzt. Man schläft schlechter und kommt trotzdem nicht früher ins Bett. Man ist für jeden und alles erreichbar, obwohl man sich vorgenommen hat, das Smartphone mal liegen zu lassen.

Anders als beim Leistungssport-Training wirken diese Belastungen ziemlich überschaubar. Zusammen sorgen sie jedoch dafür, dass der Körper dauerhaft angespannt ist, nie richtig in die Regeneration gehen kann und irgendwann in der Überlastung landet.

Was bei Überlastung im Körper passiert

Um längerfristige Belastungen bewältigen zu können, passt der Körper seinen Stoffwechsel an.
Dazu wird unter anderem vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Cortisol hat zwar einen schlechten Ruf, aber es erfüllt bei länger anhaltendem Stress wichtige Aufgaben:

  • Es stellt zusätzliche Energie bereit.
  • Es erhöht die Konzentrationsfähigkeit.
  • Es lenkt die Energiereserven gezielt in Herz-Kreislauf und Muskeln und weg von Verdauung oder Immunabwehr.

Für einige Tage ist das kein Problem und sogar äußerst hilfreich. Problematisch wird es, wenn dieser Zustand über Wochen oder Monate bestehen bleibt. Im Büroalltags kommt ein weiteres Problem dazu, nämlich, dass die zusätzlich bereitgestellte Energie nicht körperlich verbraucht wird und so das Abschalten zusätzlich erschwert. Es reicht also oft gar nicht aus, einfach am Abend eine passive Pause auf der Couch einzulegen, wenn im Blut so viel Energie kreist, dass der Körper gar nicht abschalten kann.

Dadurch entstehen mit der Zeit typische Folgen chronischer Überlastung:

  • Konzentrationsprobleme
  • Gereiztheit
  • häufigere Infekte
  • Schlafprobleme
  • erhöhter Blutdruck
  • zunehmende Erschöpfung

Besonders tückisch ist dabei, dass viele Menschen diese Veränderungen zunächst gar nicht mit Stress in Verbindung bringen. Sie versuchen stattdessen, das Problem durch noch mehr Einsatz zu lösen.

Warum Überlastung zu noch mehr Überlastung führt

Unter anhaltender Überlastung geraten viele Menschen in einen Zustand, den ich als Reaktionsmodus bezeichne. Im Reaktionsmodus wird nicht mehr bewusst gehandelt, sondern kopflos reagiert. Und zwar auch auf die Dinge, die die Aufregung gar nicht wert sind. Zum Beispiel ein Fehler im Team, eine unfreundlich formulierte Anfrage oder ein kleiner Streit in der Familie.

Das Ziel ist nicht, die Situation bestmöglich zu lösen sondern möglichst schnell zu beenden. Weil der Körper eh bereits Überlastung meldet. Daraus entsteht ein Teufelskreis, der sich selbst verstärkt: Die Reaktivität führt zu schlechteren Entscheidungen und diese wiederum zu noch mehr Belastung.

Was du von Leistungssportlern lernen kannst

Leistungssportler planen exakt wann Belastung und wann Entlastung stattfinden. Keine Sorge, für deinen Alltag bedeutet das nicht, jede Minute zu optimieren, sondern einfach nur regelmäßig wahrzunehmen, wie hoch deine eigene Belastung gerade ist. Genau deshalb beginnt mein System Scan.Reset.Go. mit dem Schritt “Scan”. Du beobachtest zum Beispiel morgens ganz bewusst:

  • Fühle ich mich erholt?
  • Ist mein Puls höher als gewöhnlich?
  • Atme ich flach oder angespannt?
  • Spüre ich Verspannungen in Schultern, Nacken oder Kiefer?
  • Bin ich bereits gereizt, obwohl der Tag gerade erst beginnt?

Wenn mehrere dieser Signale auftreten, steht dein innerer Stress-Tacho möglicherweise bereits auf Gelb. Dann ist nicht der richtige Zeitpunkt, noch mehr Druck aufzubauen. Sinnvoller ist es, Belastung gezielt zu reduzieren, Aufgaben zu verschieben oder Unterstützung zu organisieren.

Fazit

Die meisten Menschen versuchen, Stress zu vermeiden. Das funktioniert selten und ist auch nicht hilfreich, um leistungsfähig zu bleiben. Erfolgsversprechender ist es, Belastung und Erholung bewusst zu steuern. Denn nicht der Stress macht auf Dauer krank. Sondern die Überlastung, die entsteht, wenn du die Signale deines Körpers zu lange ignorierst.

Foto von Braden Collum auf Unsplash