Erholung, marsch! Warum Urlaub nicht automatisch erholt. Und wie du ihn trotzdem retten kannst.

Kurz erklärt:

Wenn du im Urlaub nicht entspannen kannst, liegt das häufig daran, dass dein Körper nach einer längeren Stressphase noch im Alarmmodus ist. Obwohl die Arbeit pausiert, sinkt dein Stresslevel nicht sofort. Sanfte Bewegung, weniger Verpflichtungen und bewusst wahrgenommene Sinneseindrücke können deinem Körper helfen, nach und nach herunterzufahren. Wichtig ist, Erholung nicht zu erzwingen: Die ersten Urlaubstage dürfen eine Übergangsphase sein.

Die Abwesenheitsnotiz ist aktiviert, der Laptop zugeklappt und die Koffer gepackt. Jetzt heißt es, nur noch die Anreise hinter sich bringen und dann vierzehn Tage einfach mal nichts tun und entspannen. Aber am Urlaubsort angekommen scheint es so, als hätte die Erholung nicht mit eingecheckt. 

Stattdessen hast du dich am ersten Tag schon über die schlechte Aussicht aus dem Zimmer aufgeregt, genervt die lauten Kinder der anderen Gäste beobachtet und dich vielleicht sogar insgeheim gefragt:  Warum kann ich das hier nicht einfach mal genießen?

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Dein Körper hat keinen Urlaubsschalter

Wir sehen Urlaub häufig wie einen technischen Neustart: Arbeit aus, Erholung an. Unser Körper funktioniert jedoch nicht wie ein Gerät, das sich per Knopfdruck in einen anderen Modus versetzen lässt.

Wenn du in den Wochen vor dem Urlaub ständig unter Zeitdruck standest, viele Entscheidungen treffen musstest oder permanent erreichbar warst, befindet sich dein Körper im Alarmmodus. Und nur weil du jetzt plötzlich nicht mehr arbeitest, verschwinden diese biologischen Veränderungen nicht sofort.

Der Körper braucht eine ganze Zeit lang, bis noch vorhandene Stresshormone abgebaut sind und er registrieren kann, dass die Belastung gerade tatsächlich etwas nachlässt. Deswegen fühlen sich gerade die ersten Urlaubstage manchmal wie ein merkwürdiger Schwebezustand an, in dem die Arbeit zwar schon vorbei ist, aber die Erholung irgendwie nicht so richtig hinterher kommt.

Warum Nichtstun das Problem oft verstärkt

Dieses Gefühl wird dadurch verstärkt, dass wir am Urlaubsort häufig in eine Art Erholungsstarre fallen. Wir legen uns an den Pool, wollen absolut nicht gestört werden und denken, das reicht, um wieder Kraft zu tanken. Doch Ruhe und Passivität sind nicht dasselbe.

Unter Stress verändern sich viele Prozesse des Körpers und eine Menge Energie wird bereitgestellt. Eben genau für den Zweck, auf einen möglichen Stressfaktor schnell und effizient reagieren zu können. Befindet sich weiterhin viel Energie im System, scannt dein Gehirn auch in den Ferien die Umgebung nach neuen vermeintlichen Gefahren. Und das sind dann im Zweifelsfall laute Gäste, ein schlecht aufgeräumtes Zimmer oder das nicht aufgefülltes Buffet.

Um deinen Alarmzustand zu verlassen, brauchst du aber, anders als viele denken, keine völlige Reizarmut, sondern einen Impuls, die überschüssige Energie abzubauen. Und das funktioniert am Besten mit Bewegung. (Ich spreche hier ausdrücklich nicht von neuem Stress bei sportlichen Challenges oder Turnieren am Ferienort, sondern von leicht anstrengender, ruhiger Bewegung, die Energie verbraucht, aber deinen Körper nicht überfordert.) Gut geeignet sind zum Beispiel ein paar Bahnen Schwimmen, ein zügiger Spaziergang oder eine Radtour, bei der du dir die Sehenswürdigkeiten ansiehst. Bei solchen Aktivitäten wird die aufgestaute Energie abgebaut und die Erholung entsteht oftmals nebenbei.

Wichtig dabei ist, nicht ständig zu beobachten, ob du bereits entspannt bist. Geh Radfahren, weil du die Umgebung erkunden möchtest und nicht nur, um dein Stresslevel zu senken. Richte deine Aufmerksamkeit bewusst auf die Details deiner Urlaubsumgebung, zum Beispiel das Rauschen des Meeres oder die alpinen Blumenwiese. 
Kleiner Bonustipp: 
Je intensiver du dich auf Bilder, Geräusche, Wärme- oder Kältereize deines Urlaubsortes konzentrierst, desto schneller lässt dein Gehirn kreisende Gedanken los.

Reduziere nicht alles, sondern das Richtige

Auch der Urlaub ist leider nie ganz frei von Anforderungen. Ganz besonders wenn du mit der Familie verreist. Die Kinder wollen unbedingt noch eine Bootsfahrt machen, der Partner oder die Partnerin erwartet endlich mal wieder ein gutes Gespräch und das Museum, das du im Reiseführer gesehen hast, willst du dir eigentlich auch nicht entgehen lassen.

Bevor du jetzt wieder in den Planungs- und Orgamodus verfällst und dein Stresslevel ähnliche Werte erreicht, wie zu Hause, mach dir bewusst, dass nicht jeder Reiz gleichermaßen belastet.
Wenn du dich gezwungen fühlst zu reagieren, kann es anstrengend werden. Erlebst du dagegen Freude, kann die Abwechslung eines Ausflugs den Druck senken.

Frag dich also bei allen Wünschen von dir und deinen Mitreisenden, ob du wirklich Spaß hast, oder die Aktivität ausschließlich für andere machst. (Die Meinung der Arbeitskollegen und die der Social-Media-Freundschaften sind zum Beispiel ebenfalls kein Maßstab für einen gelungenen Urlaub). Fühlst du dich innerlich schon gestresst davon, überleg dir, ob es nicht vielleicht auch einen alternativen Weg gibt, z.B. einen kürzeren Ausflug oder ein kurzfristiges Trennen der Aktivitäten, damit jeder im Urlaub auch Zeit für seine Interessen findet.

Und wenn der Urlaub trotzdem nicht schön wird?

Dann ist er nicht automatisch gescheitert.

Vielleicht bist du einfach erschöpfter, als du vorher wahrnehmen konntest. Vielleicht braucht dein Körper länger, um herunterzufahren. Vielleicht zeigt die freie Zeit auch, dass dir nicht nur eine Pause, sondern grundsätzlich Entlastung fehlt.

Versuche, auch einen schlecht laufenden Urlaub nicht sofort zu bewerten. Nicht jeder suboptimale Tag ist verlorene Zeit. Und manchmal kann Erholung erst dann beginnen, wenn du aufhörst, sie zu erzwingen.

Fazit: Urlaub ist kein Befehl an deinen Körper

Er ist erstmal nur ein Zeitraum, in dem vermutlich weniger von dir verlangt wird als sonst. Wie schnell dein System diese Einladung annimmt, hängt auch davon ab, was in den Wochen und Monaten davor passiert ist.

Du kannst deinen Urlaub deshalb nicht vollständig kontrollieren. Aber du kannst Bedingungen schaffen, unter denen Erholung wahrscheinlicher wird: weniger Müssen, das Akzeptieren von Übergangsphasen und passende Bewegung oder Tätigkeiten, die dir guttun, ohne wieder zur nächsten Aufgabe zu werden.

Foto von Link Hoang auf Unsplash