Du hast dich wochenlang auf den Urlaub gefreut. Endlich kein Arbeitsstress, endlich weniger Verpflichtungen. Aber am Urlaubsort angekommen…
Bist du bereits vor dem Frühstück angespannt, ob ihr am Nachmittag noch eine schattige Liege am Pool bekommt. Du guckst hektisch auf die Uhr, denn um 11 Uhr fährt der einzige Bus in die historische Altstadt und den dürft ihr auf keinen Fall verpassen. Ist für den Ausflug eigentlich schon die Tasche gepackt? Und ganz nebenbei studierst du noch die Speisekarte von heute Abend und überlegst, was deinen Kindern davon schmecken könnte und nicht total ungesund ist.
Und das alles, obwohl du dir doch fest vorgenommen hast, im Urlaub etwas Zeit für dich zu finden.
Warum das, was dich im Job erfolgreich macht, deinen Urlaub sabotiert.
Kurz erklärt:
Wer beruflich viel Verantwortung trägt, ist gut darin, vorauszudenken, Probleme früh zu erkennen und Unsicherheiten möglichst schnell zu beseitigen. Als Führungskraft kann das enorm hilfreich sein. Nur im Urlaub läuft dieser Modus oftmals einfach weiter, ohne dass du dich bewusst dafür entschieden hast. Gedankliche Umlenkung und körperliche Regulationsübungen wie der Tauchreflex können dir helfen, im Urlaub einmal bewusst loszulassen.
Deine Arbeitseinstellung fährt mit in den Urlaub
Diesen Kontrast, an einem schönen Ort zu sein und trotzdem nicht richtig abschalten zu können, kennen viele Menschen, die beruflich viel Verantwortung tragen. Denn du bist es gewohnt, vorauszudenken, Probleme früh zu erkennen, Verantwortung zu übernehmen und Unsicherheiten möglichst schnell aus dem Weg zu räumen.
Das ist erstmal überhaupt nichts Schlechtes. Du hast in deinem Berufsalltag einfach die Strategie entwickelt: Je früher ich ein mögliches Problem erkenne und löse, desto sicherer fühle ich mich. Und wahrscheinlich hat dir genau diese Strategie im Führungsalltag bereits sehr viel Stress erspart.
Das Problem ist nur: sie kostet viel Energie. Besonders, wenn sie automatisch in Situationen abläuft, in denen sie eigentlich nicht gebraucht wird. Zum Beispiel im Urlaub.
Dazu kommt: Dein Körper schaltet nicht automatisch in den Erholungsmodus, nur weil du mit gepackten Koffern am Flughafen stehst.
Anhaltende Belastung beeinflusst verschiedene körperliche Regulationsprozesse. Wie schnell der Körper danach wieder in einen ausgeglichenen Zustand, die sogenannte Homöostase findet, ist individuell sehr unterschiedlich.
Das bedeutet: Du kannst körperlich längst am Urlaubsort angekommen sein, während dein Nervensystem innerlich noch immer auf Aufmerksamkeit, Reaktion und Problemlösung eingestellt ist.
Und dann passiert etwas Interessantes: Plötzlich reicht eine volle Poolterrasse, ein verspäteter Bus oder ein nicht-kindgerechtes Menü aus, um erheblich mehr Stress in dir auszulösen, als die Situation eigentlich rechtfertigen würde. Und auf diesen Stress reagierst du natürlich mit deinem bekannten Muster: Kontrolle.
Glaub mir, ich bin Expertin, was das angeht.
Viele Jahre sahen meine Urlaube ungefähr so aus:
Minutiös durchgeplant, angemeldet für sämtliche Aktivitäten und Ausflüge. Die Wetter-App immer griffbereit. Die Zeit raste davon. Und abends lag ich dann im Zimmer und hatte trotzdem das Gefühl, die Zeit nicht richtig genutzt zu haben. Obwohl ich aufgehört hatte zu arbeiten, behandelte ich auch das Thema Urlaub wie eine Aufgabe. Und zwar einfach, weil Kontrolle so ein unglaublich gutes Gefühl gibt.
Wenn du früh genug aufstehst und die perfekte Liege ergatterst: Erleichterung.
Wenn der von dir gebuchte Ausflug reibungslos abläuft: Erleichterung.
Wenn es allen im Restaurant, das du gefunden hast, schmeckt: Erleichterung.
Wie bei einer Dressur bekommt dein Gehirn immer wieder die Rückmeldung: Planen funktioniert. Kontrolle ist super. Und genau deshalb kann sich daraus schnell ein Kreislauf entwickeln. Je stärker du versuchst, Unsicherheit zu vermeiden, desto mehr Situationen gibt es nach und nach, die kontrolliert werden müssen. Das geht soweit, bis irgendwann die Erholung selbst einfach nur noch aus einer ganzen Reihe Aufgaben besteht.
Was passiert eigentlich, wenn du gar nichts machst?
Wenn du dieses Verhalten bei dir bemerkst, reicht es nicht, dir einfach vorzunehmen: „Jetzt entspann dich doch endlich.“ Das funktioniert ungefähr so gut wie der Satz: „Denk jetzt bitte nicht an einen rosa Elefanten.“
Probier stattdessen einmal ein kleines Experiment aus.
Wenn du merkst, dass du gerade wieder etwas unbedingt planen, kontrollieren oder absichern möchtest, frag dich: Was würde passieren, wenn ich jetzt überhaupt nichts mache? Vielleicht bekommt ihr keine Liege.
Vielleicht verpasst ihr den Bus.
Vielleicht essen die Kinder am Abend schon wieder Pommes.
Und?
Wenn du merkst, dass du auf diese Fragen ruhig reagieren kannst, reicht diese gedankliche Umlenkung vielleicht schon aus, um aus deinem Automatismus auszusteigen.
Wenn du aber merkst, dass allein der Gedanke ans Loslassen deinen Körper noch unruhiger macht, bringt es wenig, ausschließlich rational dagegen anzudenken.
Erst Reset, dann Handeln.
Ist dir schon mal aufgefallen, dass dir die besten Gedanken oft unter Dusche, oder auf einem Spaziergang kommen? Das hat einen Grund, sobald dein Körper durch äußere Reize wie Wasser oder Bewegung die Einladung zur Entspannung erhält, wird auf einmal das Denken klarer und Entscheidungen fallen leichter.
Diesen Abstand zwischen Reiz und Reaktion kannst du im Urlaub perfekt durch Wasseranwendungen, zum Beispiel einen kurzen Kältereiz im Gesicht erzeugen. Dadurch kann der sogenannte Tauchreflex angesprochen werden, bei dem sich der Herzschlag verlangsamt, was zu einem Entspannungsgefühl führt.
Dazu musst du einfach nur dein Gesicht kurz in kühles, aber nicht eiskaltes Wasser tauchen und dabei so lange die Luft anhalten, wie es sich angenehm anfühlt. Nach dieser Übung und ein wenig Durchatmen fällt es oft viel leichter die Frage zu beantworten:
Was passiert, wenn ich gar nichts mache? Versuch es einfach mal selbst.
Wichtig: Verzichte bitte auf die Übung, wenn du Herz-Kreislauf- oder Herzrhythmuserkrankungen hast, zu Ohnmacht oder Krampfanfällen neigst oder dir medizinisch von Luftanhalten beziehungsweise Kältereizen abgeraten wurde. Und brich die Übung ab, wenn du Unwohlsein verspürst.
Fazit
Wenn du im Urlaub alles planst, absicherst und optimierst, bist du kein nerviger Kontrollfreak. Du nutzt du einfach eine Strategie, die dir im Beruf jahrelang gute Dienste geleistet hat, im falschen Kontext. Probleme früh erkennen, vorausdenken und Verantwortung übernehmen können große Stärken sein. Aber eben nicht in jeder Situation. Nicht auf alles zu reagieren, bedeutet nicht, dass du diese Stärke verlierst, sondern dass du lernst, sie bewusster einzusetzen. Denn nicht jede Unsicherheit ist ein Problem, das von dir gelöst werden muss. Schon gar nicht in deinem Urlaub.