Wie du erkennst, ob du nur einen schlechten Tag hast oder schon erschöpft bist.

Kurz erklärt:

Ob du nur einen schlechten Tag hast oder deine Belastung dauerhaft zu hoch ist, lässt sich selten an einem einzelnen Symptom erkennen. Entscheidend sind Veränderungen gegenüber deinem persönlichen Normalzustand und wiederkehrende Muster über mehrere Tage. Schlaf, Muskelspannung, Konzentration und Erholung können dabei hilfreiche Hinweise liefern. Der Stress-Tacho hilft, die eigenen frühen Stresssignale zu erkennen und Belastung nicht erst dann anzupassen, wenn die Erschöpfung deutlich wird.

13:00 Uhr. Endlich Mittagspause. Du holst dir schnell einen Salat aus der Kantine und nimmst wieder vor deinem Laptop Platz. Kurz die Umsatzzahlen prüfen, damit du im Meeting gleich Bescheid weißt. Doch je länger du auf die Tabellenspalten blickst, umso schwerer fällt es dir, deine Augen offen zu halten. „Na ja, Mittagstief, kann vorkommen“ denkst du dir, aber irgendwie wirst du den ganzen Nachmittag über nicht mehr so richtig wach. Und am nächsten und auch am übernächsten Tag das gleiche Spiel. Pünktlich zur Mittagszeit fällt deine Energie in ein tiefes Loch und du kannst dich nicht mehr auf die Arbeit konzentrieren, egal, wie sehr du dich anstrengst.

Ist das noch ein normal? Oder bin ich bereits chronisch erschöpft? Das einzuschätzen ist wahrscheinlich eine der schwierigsten Fragen im Umgang mit Stress.

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Warum wir mittags häufig müde werden

Eine leichte Müdigkeit um die Mittagszeit ganz normal. Deshalb hat sich in vielen Kulturen auch das Mittagsschläfchen nach dem Essen etabliert. Zwischen 12 und 15 Uhr durchläuft der Körper zykadiane Rhythmen, die insgesamt etwas träger machen. Das Mittagessen verstärkt diesen Effekt, da es den Ruhenerv Parasympathikus aktiviert.

Gibt es zu Mittag dann noch eine große Pizza oder ein Schnitzel mit Pommes, wird die Verdauung anspruchsvoller und die Müdigkeit kann ein bisschen stärker ausfallen. Aber normalerweise verschwindet sie nach kurzer Zeit wieder von selbst oder kann mit einem kleinen Spaziergang sogar ganz ausbleiben.

Fühlst du dich aber auch Stunden nach dem Mittagessen, vielleicht sogar bis in den Abend wie ausgeknockt, deutet das auf andere Ursachen hin, die sehr vielfältig sein können und deshalb am besten medizinisch abgeklärt werden sollten. Eine dieser Ursachen ist die sogenannte autonome Dysregulation, die durch chronischen Stress entsteht.

Wenn das innere Stresssystem verstellt ist

Stress wird im Körper hauptsächlich durch zwei große Nervenäste, den Sympathikus und den Parasympathikus geregelt, die zusammen das sogenannte autonome Nervensystem bilden. Es heißt deshalb autonom, weil die meisten Vorgänge ohne Beteiligung des Bewusstseins ablaufen. Die beiden Nervenäste arbeiten wie die Wasserhähne einer Mischbatterie.

Stell dir vor, in unserer Mischbatterie läuft durchgehend lauwarmes Wasser, beide Nervenäste sind also immer aktiv. Tritt nun ein Stressfaktor auf, wird das heiße Wasser des Sympathikus etwas mehr aufgedreht, die Gesamttemperatur wird heißer. Und das ist auch nötig, um dem Körper Energie für die Lösung der belastenden Situation zu verschaffen. Sobald alles überstanden ist, wird mit kaltem Wasser nachgeregelt, bis die Wassertemperatur insgesamt wieder lauwarm ist.

Chronischer Stress kann dafür sorgen, dass das heiße Wasser bei Tag und vor allem auch in der Nacht auf Hochtouren läuft. Das Kaltwasser ist zwar noch da, kann die Gesamttemperatur immer weniger beeinflussen. Und das kostet richtig viel Energie.

Der Schlaf wird unruhig, die nächtliche Erholung bleibt auf der Strecke und die Energiereserven des Körpers werden weniger. Treffen diese Voraussetzungen dann auf die normalen körperlichen Vorgänge rund um das Mittagstief, kann daraus eine starkes Erschöpfungsgefühl entstehen, das sich anfühlt, als hätte dir jemand eine Bleiweste übergezogen.

Der Körper reagiert früher als der Kopf

Das Mittagstief ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark körperliche Reaktionen und die subjektive Wahrnehmung davon auseinander fallen können. Denn wie im Beispiel am Anfang des Artikels, sagen wir uns lange, dass noch alles in Ordnung ist und wir nur einen schlechten Tag erleben.

Und das beruht oft auf dem großen Missverständnis, dass du jede körperliche Veränderung mitbekommen würdest. Tatsächlich verlaufen aber wesentliche Teile der Stressreaktion fast ausschließlich unterbewusst. Dadurch wird dir gar nicht richtig klar, wie stark dein Körper schon belastet sein kann.

Die subjektive Einschätzung einer Belastung ist nicht völlig egal. Aber sie ist eben ein deutlich unzuverlässigerer Massstab, als die viel früher beginnenden körperlichen Veränderungen.

Wie man herausfindet, wie hoch die eigene Belastung wirklich ist

Es gibt leider nicht das eine körperliche Stresssignal, das bei jedem Menschen zuerst auftaucht. Bei dem einen ziehen sich sehr schnell Kiefer und Nacken zusammen. Der nächste merkt es zuerst am Schlaf. Jemand anderes hat ein starkes Mittagstief oder bekommt Verdauungsprobleme.

Deshalb nutze ich im Rahmen meines Programms Scan.Reset.Go den Bereich Scan dazu, um genau diese Signale individuell mit dir zu erarbeiten. Der entscheidende Punkt ist dabei nicht: Bin ich heute mal nach dem Essen müde? Sondern: Hat sich etwas gegenüber meinem normalen Zustand verändert und bleibt diese Veränderung bestehen?

Mit Hilfe des Stress-Tachos arbeiten wir zuerst eine Liste der häufigsten körperlichen Veränderungen ab und beobachten, wie sich diese im Laufe einiger Wochen verhalten. Dabei suchen wir Referenzwerte, indem wir beispielsweise vergleichen, ob du das Mittagstief auch am Wochenende oder ausschließlich auf der Arbeit erlebst. Am Ende des Schrittes Scan haben wir dann normalerweise zwei bis drei körperliche Signale herausgefunden, die bei dir unter Stress als erstes Veränderungen zeigen. Und mit diesen können wir weiterarbeiten, um deinen Alltag besser zu steuern.

Fazit:

Starkes Mittagstief, eine unruhige Nacht oder Verspannungen sind noch kein Zeichen dafür, dass deine Belastung dauerhaft zu hoch ist. Interessant wird es aber, wenn sich dein persönlicher Normalzustand verändert und du immer wieder dieselben körperlichen Beschwerden, oder diese sich stark zwischen Wochenende/Urlaub und Arbeitszeit unterscheiden.

Genau deshalb lohnt es sich herauszufinden, welche zwei oder drei Veränderungen bei dir besonders früh auftreten, um anschließend zu entscheiden, wie viel Belastung du in den nächsten Tagen und Wochen noch stemmen kannst.

Foto von Louis Hansel auf Unsplash