Warum erfolgreiche Menschen ihre Leistungsgrenzen oft zu spät erkennen.

„Ich muss aber nächste Woche wieder fit sein! Das bekommen Sie doch hin.“

Herr G. war Vertriebsleiter in einem mittelständischen Unternehmen und kam mit einem Bandscheibenvorfall zu mir in die physiotherapeutische Behandlung. Aus der geplanten Woche Ausfall wurden am Ende mehr als drei Monate Arbeitsunfähigkeit.

Während einer Behandlung fragte er mich, warum er nicht früher bemerkt hatte, dass sein Rücken in einem so schlechten Zustand war. Er war sehr verwundert, als ich ihm erklärte, dass das auch mit seinem Stresslevel zusammenhing.

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Warum sich Stress zunächst gut anfühlen kann.

So wie Herrn G. geht es vielen leistungsstarken Menschen. Sie glauben, sie würden merken, wenn ihnen etwas zu viel wird. Sie erwarten ein deutliches Signal, das ihnen zeigt, dass sie jetzt etwas ändern müssen. Die Realität sieht jedoch oft anders aus.

Selbstständige und Führungskräfte sind häufig überdurchschnittlich verantwortungsbewusst, belastbar, ehrgeizig und ausdauernd. Genau diese Eigenschaften ermöglichen es ihnen, hohe Belastungen über lange Zeit zu kompensieren.

Hinzu kommt, dass sich Stress zunächst oft gar nicht schlecht anfühlt. Unter Stress stellt der Körper zusätzliche Ressourcen bereit, damit wir fokussierter, schneller und leistungsfähiger arbeiten können. Dadurch entsteht leicht das Gefühl, auch ohne ausreichende Pausen und Erholung dauerhaft funktionieren zu können. Genau hier beginnt jedoch die gefährliche Phase.

Wenn der Körper auf Reserve läuft.

Der Körper befindet sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Ausnahmezustand. Das Hormon Cortisol wird verstärkt ausgeschüttet, um die letzten Reserven zu mobilisieren. In dieser Situation reicht oft eine vergleichsweise kleine zusätzliche Belastung aus, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Im Fall von Herrn G. war es zum Beispiel das schwungvolle Anheben eines Bierkastens.

Die häufigsten Warnzeichen für anhaltenden Stress.

Leider verfügt unser Körper nicht über eine eingebaute Warnleuchte, die uns lautstark signalisiert, dass wir bereits auf Reserve fahren. Trotzdem gibt es Warnzeichen, die du erkennen kannst, wenn du aufmerksam hinschaust:

  • Ständige Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf
  • Zunehmende Konzentrationsschwierigkeiten
  • Anhaltende Verspannungen im Kiefer-, Nacken- oder Rückenbereich
  • Höhere Gereiztheit oder zunehmendes Desinteresse
  • Schwierigkeiten, sich längere Zeit auf eine Sache zu konzentrieren, beispielsweise auf einen Film oder ein Buch

Warum Durchhalten keine gute Strategie gegen Stress ist.

Jedes einzelne dieser Signale wirkt zunächst harmlos. Deshalb stellen sich viele Menschen an diesem Punkt die falsche Frage, nämlich: „Wie halte ich trotz Müdigkeit, Anspannung und Erschöpfung weiter durch?“ Dabei wäre die hilfreichere Frage: „Warum muss ich überhaupt dauerhaft funktionieren?“

Stressbewältigung bedeutet nicht, immer belastbarer zu werden. Sie bedeutet, Belastung und Regeneration so zu steuern, dass du langfristig leistungsfähig bleibst. Deshalb sollte sie deutlich früher beginnen, zu einem Zeitpunkt, an dem die Stressbelastung noch vergleichsweise gering ist. Denn in dieser Phase lässt sich Regeneration mit einfachen Mitteln erreichen: ein ruhiger Abend, ein Spaziergang ohne Smartphone oder einige Minuten bewusster Atmung.

Wer dagegen erst reagiert, wenn der Stress über Wochen, Monate oder Jahre zu hoch war, muss häufig deutlich mehr verändern und Gewohnheiten oder sogar ganze Lebensbereiche umstellen.

Es ist im Grunde wie beim Zähneputzen: Regelmäßige kleine Maßnahmen verhindern oft, dass später große Reparaturen notwendig werden.

Foto von Toa Heftiba auf Unsplash