Warum Stress deine Kommunikation verändert

Kurz erklärt:

Viele Menschen glauben, Stress würde zuerst ihre Gesundheit oder Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Tatsächlich zeigt sich Überlastung oft am schnellsten in der Kommunikation. Unter Stress verändert sich die Wahrnehmung, die Impulskontrolle nimmt ab und Aussagen anderer Menschen werden häufiger negativ interpretiert. Dadurch entstehen Missverständnisse, Konflikte und Entscheidungen, die später bereut werden.

Bestimmt hast du schon einmal eine ähnliche Situation erlebt. Du kommst von einem anstrengenden Tag nach Hause und bist genervt, weil heute vieles nicht so gelaufen ist, wie du es dir vorgestellt hast.

Dann stellt dein Partner oder deine Partnerin eine harmlose Frage: „Hast du eigentlich daran gedacht, die Unterlagen abzuschicken?“
An einem guten Tag würdest du vielleicht antworten: „Oh stimmt, danke für die Erinnerung.“

An einem schlechten Tag klingt dieselbe Frage plötzlich wie ein Vorwurf. Und die Antwort fällt entsprechend schärfer aus. Die Frage hat sich aber nicht verändert. Nur deine Wahrnehmung ihres Inhalts.

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Warum wir unter Stress anders kommunizieren

In einem der letzten Artikel hast du bereits erfahren, dass unter hoher Belastung der Präfrontale Kortex zunehmend an Einfluss verliert. (Wenn du das nochmal nachlesen möchtest, klick einfach hier.) Dieser Bereich des Gehirns hilft uns normalerweise bei der Impulskontrolle und dem sachlichen Einordnen von Situationen. Essentielle also für gute Kommunikation. Gleichzeitig richtet sich unter hohem Stress die Aufmerksamkeit stärker auf mögliche Probleme und Gefahren, was die Kommunikation weiter erschwert.

Warum dieselbe Aussage plötzlich anders ankommt

Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun beschreibt, dass jede Nachricht gleichzeitig vier Botschaftsebenen enthält:

  • die Sachebene
  • die Beziehungsebene
  • die Selbstoffenbarungsebene
  • die Appellebene

Um eine Nachricht möglichst vollständig zu verstehen, sollten alle vier Ebenen berücksichtigt werden. Unter Stress gelingt das aber leider nicht mehr so gut. Denn das Gehirn ist auf Gefahrenabwehr konzentriert und interpretiert deshalb häufig einzelne Ebenen über.

Nehmen wir nochmal unser Beispiel: „Hast du eigentlich daran gedacht, die Unterlagen abzuschicken?“

Die Sachebene lautet: „Sind die Unterlagen abgeschickt?“
Die Appellebene: „Bitte kümmere dich darum.“
Die Selbstoffenbarung: „Ich bin mir unsicher, ob das bereits erledigt wurde.“
Auf der Beziehungsebene entsteht nun ein Interpretationsspielraum. Denn ein entspanntes Gehirn könnte hören: „Ich vertraue darauf, dass du dich darum kümmerst.“ Ein überlastetes hingegen: „Ich habe Zweifel, ob du das erledigst.“

Und sobald die kritischen Teile der Botschaft überinterpretiert werden, driftet die gesamte Wahrnehmung der Frage ins Negative. Mit entsprechenden Missverständnissen und Konflikte in der Folge.

Warum viele Kommunikationstrainings am eigentlichen Problem vorbeigehen

Wenn Kommunikation schwieriger wird, suchen Menschen oft Kommunikationstrainings auf.
Sie lernen Ich-Botschaften, Fragetechniken oder Gesprächsmodelle. Das ist natürlich hilfreich, keine Frage, löst aber nicht das eigentliche Problem. Zumindest dann nicht, wenn die Kommunikation im Stress erfolgt.

Denn ein überlastetes Gehirn bleibt ein überlastetes Gehirn. Und wer innerlich bereits auf Alarm geschaltet hat, sendet zumindest non-verbal die Botschaft: „Ich habe keine Ressourcen mehr. Bitte lass mich in Ruhe.“ Selbst dann, wenn die Worte perfekt formuliert sind.

Die Kommunikationstechniken scheitern also nicht an der Methode, sondern am Zustand des Menschen, der sie anwenden soll.

Wie du trotz Stress besser kommunizierst

Genau hier setzt mein Modell Scan.Reset.Go. an.

Der erste Schritt ist der Scan:
Bevor du in ein Gespräch gehst, überprüfst du zunächst einmal dein Stresslevel, z.B. mit Fragen wie:
Bin ich angespannt? Fühle ich mich unter Druck? Habe ich das Gefühl, sofort reagieren zu müssen?

Wenn die Antwort mehrfach „Ja“ lautet, folgt der zweite Schritt, Reset:
Schaffe Bedingungen, die es deinem Körper ermöglichen, den Stress zu regulieren. Dazu reichen zum Beispiel ein paar Minuten Bewegung. Eine kurze Atemtechnik. Oder kaltes Wasser über Gesicht und Unterarme laufen zu lassen. All das hilft, den Reaktionsmodus zu verlassen und dein Gehirn wieder möglichst neutral auszurichten.

Erst danach folgt Go, das bewusste Handeln. Sobald du etwas heruntergefahren bist, wird dein Präfrontaler Kortex deutlich aktiver und es fällt leichter, die Situation neutral und umfassend zu betrachten. Deshalb ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt für Fragen wie: Wie war die Aussage eigentlich genau gemeint? Welche Ziele verfolgt mein Gesprächspartner? Welche Ziele verfolge ich?

Fazit

Über eine gute Kommunikation entscheidet nicht die perfekte Formulierung, sondern der richtige Zeitpunkt. Es lohnt sich deshalb bei wichtigen Gesprächen nicht nur auf die gesprochenen Worte zu achten, sondern auch auf den Zustand, in dem du kommunizierst. Denn gute Kommunikation beginnt bei einem Gehirn, das überhaupt noch in der Lage ist zuzuhören, abzuwägen und andere Perspektiven einzunehmen.

Foto von Vitaly Gariev auf Unsplash